Das Schweigen des Moors – Teil I
Inhalt
- Prolog – Der Stein und das Versprechen
- I. Heimkehr über der Heide
- II. Der Spiegel im Priorat
- III. Was im Schweigen wächst
- IV. Das Maß der Nähe
- V. Die Zunge des Moors
- VI. Ein Lied gegen den Sturm
- VII. Namen im Steinring
- VIII. Zwei Wege unter einer Sonne
- IX. Der Preis der Wahl
- X. Was bleibt, wenn die Schatten gehen
- Epilog – Die Furchen einer Handschrift
Eine dunkle Erzählung von Liebe, Eifersucht und Freundschaft im England des 16. Jahrhunderts.
Prolog – Der Stein und das Versprechen
England, im Sommer eines unruhigen Jahrhunderts. Der Regen hatte ausgesetzt, und die Heide duftete nach nassem Eisen. Zwei Kinder standen vor einem Findling, der so alt aussah wie der Himmel: Charles, Sohn eines verschuldeten Grundherrn, die Knie voller Schrammen, und Lydia, die im Schatten der Kräuter ihrer verstorbenen Mutter aufwuchs, mit Augen so wach wie die Raben über den Moorgräben.
Sie hatten den Stein aus einer Furche gerollt, die der Winter geöffnet hatte. Darunter lag etwas, das aussah, als hätte das Moor sich einen Spiegel gegönnt: eine schwarze Scheibe, glatt wie Wasser in windloser Nacht. Keine Runen, keine Zahl. Nur Fläche.
„Wenn ich später fort muss“, sagte Charles, „was bleibt von mir hier?“
„Was du anfasst“, antwortete Lydia, „und was du versprichst.“
Sie legten die Handflächen auf die Scheibe. Ein Kribbeln wie kalter Atem kroch ihnen in die Finger. Ein Riss fuhr durch die Wolken, und für einen Augenblick schien es, als blickten sie nicht in den Spiegel, sondern er blicke zu ihnen zurück.
„Freunde?“, fragte Charles.
„Freunde“, sagte Lydia. „Gegen das Moor. Und gegen das, was aus uns werden will.“
I. Heimkehr über der Heide
Spätherbst. Das 16. Jahrhundert hatte seine Fieber nicht gezählt; das Land wechselte Bekenntnisse wie Hemden, und dennoch roch das Moor stets gleich: nach Torf, Salz und Geheimnissen. Charles kehrte nach Jahren zurück, mager von Studien in fernen Städten, die eher Bücher als Menschen kannten. Wrenfield Manor, halb Eiche, halb Erinnerung, stand noch. In der Halle hing das alte Kruzifix, obschon niemand mehr zu sagen wagte, ob es Trost bringe oder Gefahr.
Lydia lebte in der Hütte nahe des yew—des Eibenbaums—den sie beide „Wächter“ nannten. Sie sammelte Nebel in Schalen und kannte den Unterschied zwischen einer heilenden Wurzel und einer, die nur so tat. Als Charles vor ihrer Tür stand, hielt sie die Hand an den Strick, der den Wind aus der Hütte hielt, und lächelte so, wie Menschen lächeln, wenn sie eine Wunde endlich sehen dürfen.
„Du bist zurück.“
„Wie versprochen“, sagte er. „Wrenfield riecht noch nach mir.“
Sie setzten sich. Der Kessel atmete. Worte tasten sich wie Blinde: Er erzählte von Bibliotheken, die Flammen überstanden hatten, von Lehrmeistern, die alles erklären konnten und nichts verstanden. Lydia sprach von Nächten, in denen die Heide sang, wenn niemand hinsah; von einem trockenen Sommer, in dem der Bach ein Geheimnis flüsterte.
„Und der Stein?“, fragte er.
„Sicher“, sagte sie. „Doch er ist nicht mehr, was er war. Er hört zu.“
Charles folgte ihr hinaus. Unter der Eibe lag die Scheibe, in Tücher gewickelt. Als Lydia sie aufdeckte, spiegelte sich kein Gesicht, nur eine Bewegung, als ströme fernes Wasser. Charles beugte sich hinab, bis sein Atem die Oberfläche trübte. Für einen Herzschlag hatte er das Gefühl, ein zweites Paar Augen blicke über seine Schulter.
„Wir sollten ihn zurückbringen“, sagte Lydia. „Dorthin, wo wir ihn fanden. An das alte Priorat.“
„Morgen“, sagte Charles. „Wenn der Nebel sich hebt.“
Diesen Abend aber blieb der Nebel. Und etwas im Haus merkte sich, wie nah ihre Hände beieinander ruhten.
II. Der Spiegel im Priorat
Das ruinierte Priorat stand wie ein aufgeschlagenes Gebet, dessen Worte der Regen ausgewaschen hatte. Lydia und Charles trugen die Scheibe im Schweißtuch über die Heide. Krähen wechselten von Pfahl zu Pfahl, als zählten sie Schritte.
In der Vierung, wo einst Stimmen gestanden hatten, legten sie die Scheibe auf die Platte eines gebrochenen Altars. Charles fuhr mit dem Finger über den Rand; es fühlte sich an, als schriebe er auf Haut.
„Wenn er zuhört“, sagte er, „was will er hören?“
„Was wir nicht sagen.“ Lydia band ihr Haar zurück, als bereite sie sich auf eine Frage vor, deren Antwort sie fürchtete. „Damals waren wir Kinder. Jetzt…“
„Jetzt ist das Moor dichter geworden“, sagte Charles. „Und das, was ich fühle—“ Er brach ab. Seine Hände wussten, wie man Kräuter mischt, wie man Tinkturen setzt, wie man Apparate justiert. Sie wussten nicht, wie man bekennt.
Lydia legte die Hand auf die Scheibe. Die Luft wurde kühler, und in der Tiefe des schwarzen Glases sammelte sich etwas, das keine Farbe hatte. Ein Bild? Ein Widerhall?
Zwei Gestalten formten sich: Lydia, Charles—und hinter ihnen, kaum abgesetzt, ein dritter Umriss. Nicht Mann, nicht Frau. Nur Anspruch.
„Nicht erschrecken“, flüsterte Lydia. „Es ist nur, was zwischen uns steht. Jeder Mensch hat so etwas. Ein Schatten in Gestalt des Mangels.“
Der Umriss hob den Kopf, als habe er seinen Namen gehört. Aus dem Spiegel triefte ein Laut, der wie das erste Wort war, das ein neidischer Mund spricht.
„Eifersucht“, sagte Charles heiser.
Die Scheibe antwortete nicht. Aber das Echo legte sich auf ihren Atem.
III. Was im Schweigen wächst
Sie brachten die Scheibe in Lydias Hütte. Am Abend führte der Wind an den Wänden entlang und suchte Ritzen, wie eine kalte Zunge. Charles reparierte den Riegel, mehr um zu tun zu haben als aus Notwendigkeit.
„Ich dachte“, sagte er schließlich, „dass die Zeit mich härter gemacht hätte. Aber ich bin weich an der Stelle, an der dein Name liegt.“
Lydia hob den Kopf. „Weich ist nicht schwach.“
„Weich ist verletzbar.“ Er betrachtete den Spiegel. „Ich habe gelernt, dass Menschen Dinge begehren wie Besitz. Ich will nicht, dass du mein Besitz bist.“
„Ich bin es nicht“, sagte sie. „Aber ich bin hier.“
Sie setzten sich, und Stille trat ein, so vollkommen, dass man hören konnte, wie weit ferne Dinge sind. Dann war da doch wieder ein Laut: ein feines Kratzen, als striche eine Feder unter der Tür entlang. In der Scheibe zuckte es. Für einen Augenblick stand Lydia neben sich—eine zweite Lydia, einen Hauch blasser, mit einem Blick, der nicht fragte, sondern forderte.
„Ich weiß, was du bist“, sagte Lydia in die Schwärze. „Du bist nicht ich.“
Die blasse Lydia lächelte. „Ich bin das Maß“, hauchte sie. „Das Maß dessen, was du gibst—und was du nicht bekommst.“
Charles’ Magen zog sich zusammen. Er dachte an die Jahre, die er fort gewesen war, an Briefe, die nie ankamen. An die Angst, zu spät zu sein. Das Maß legt Zahlen auf die Dinge, die man nicht zählen kann.
„Wenn du ein Maß bist“, sagte er, „dann sei gerecht.“
„Ich bin ehrlich“, antwortete die Blasse. „Gerechte nennt man nur das, was sie erträgt.“
Lydia griff nach Charles’ Hand, als zöge sie ihn aus kaltem Wasser. „Hör nicht auf eine Stimme, die dich gegen dich aufwiegelt.“
Doch die Stimme hatte bereits Spuren hinterlassen, fein wie Kratzer im Glas. Und im Schweigen zwischen zwei Atemzügen wuchs, unbemerkt von ihnen selbst, das Unkraut der Vergleichung.
IV. Das Maß der Nähe
Die Tage grauten kurz, die Nächte dehnten sich. Charles verbrachte Stunden mit Reagenzgläsern und Mörsern, mischte aus Rinde und Tau ein Elixier, das gegen Grübeln helfen sollte. Lydia suchte die Heide, sammelte färbenden Pilz, streute Asche um die Eibe. Sie sahen sich jeden Abend, und jeder Abend war gut, doch in den Rändern der Güte klebte etwas Kleines, Giftiges.
„Gestern“, sagte Lydia eines Nachts, „habe ich gewusst, dass du kommst, bevor du den Pfad betreten hast.“
„Du kennst meine Schritte.“
„Nein. Ich kannte dein Zögern.“
Charles senkte den Blick. „Ich… dachte an all die Dinge, die du ohne mich bist. An die Stärke, die vom Moor zu kommen scheint. Und ich fragte mich, ob ich darin Platz habe.“
„Du bist nicht das, was hineinpassen muss“, sagte Lydia. „Du bist Teil der Form.“
Im Spiegel flackerte die blasse Gestalt. „Und wenn die Form sich ändert?“, wisperte sie. „Wenn Freundschaft ein Vorwand ist, weil Liebe sich nicht eingestehen will, was sie beansprucht?“
Charles’ Finger verkrampften. „Schweig“, sagte er, mehr zu sich als zum Bild.
„Nein“, sagte Lydia, ohne aufzusehen. „Nicht Schweigen. Benennen. Ich liebe dich, Charles. Das ist kein Besitzanspruch. Es ist ein standhaftes Wort.“
Die blasse Lydia lächelte mager. „Und wenn er dich weniger liebt, als du ihn?“
„Dann hält die Freundschaft ihn fest, wo die Liebe müde wird“, sagte Lydia. „Und wenn meine Liebe zu viel will, dann kühlt die Freundschaft sie runter. Wir sind zwei Namen für dieselbe Nähe. Wir sind kein Handel.“
Charles schloss die Augen. Das Wort Liebe brannte in ihm, aber nicht so, wie Feuer brennt, sondern wie ein Herd, der wärmt und fordert, dass man Holz nachlegt. „Ich liebe dich“, sagte er. „So gut ich kann.“
Einen Augenblick lang zog sich die Blasse zurück. Doch was bereits im Schweigen gewachsen war, lebte weiter, wie Wurzeln, die man nicht sieht.
V. Die Zunge des Moors
Der Winter legte die Heide mit Reif aus. In der Dämmerung klang die Welt, als spräche sie eine Sprache, die nur Kälte versteht. Charles ging zum Priorat; Lydia folgte. Die Scheibe trugen sie diesmal nicht—sie lag in Lydias Hütte, in Tücher gedrückt. Dennoch schien jeder Schritt die Zunge des Moors zu reizen, die an ihren Knöcheln leckte.
„Man sagt“, begann Charles, „dass in Zeiten, da die Herrscher die Worte wechseln, die Dinge lauter werden, die keine Worte haben.“
„Du meinst die Schatten“, sagte Lydia.
„Ich meine das, was wir ihnen geben.“
Sie blieben am Steinring stehen, den nur wenige kannten. Dort griffen Felsen in den Himmel wie Finger, die die Wolken abzählen. Lydia legte die Hände auf den Stein. „Eifersucht ist nicht nur Hass“, sagte sie. „Sie ist auch Hunger, den man zu lange geleugnet hat. Wenn du verschweigst, was du brauchst, frisst sie dich von innen.“
„Und wenn ich sage, was ich brauche?“
„Dann sagt sie: Es ist zu viel. Oder: zu wenig.“ Lydia lächelte traurig. „Wir müssen ihr etwas geben, das sie nicht versteht.“
„Was könnte das sein?“
„Überschuss“, sagte Lydia. „Etwas, das kein Maß braucht.“
Sie holte aus ihrem Umhang einen kleinen, geschnitzten Knochenflöter—ein Kinderding, das Charles einmal gefertigt hatte. „Spiel mir das Lied, das du vergaßest, als du fortgingst.“
Er setzte an. Der Ton war zunächst rau, dann fand er sein altes Bett in der Luft. Der Wind legte den Kopf schief. In der Ferne antwortete die Scheibe—obgleich sie in der Hütte lag—mit einem kaum hörbaren Summen, als sei in ihrem Schwarz ein Saiteninstrument gespannt. Die blasse Gestalt tauchte zwischen den Steinen auf, nicht mehr im Glas, sondern draußen in der Welt, dünn wie Reif.
„Das ist gegen die Regeln“, zischte sie. „Ihr dürft mich nicht übersehen, wenn ich so schön leide.“
„Wir übersehen dich nicht“, sagte Lydia. „Wir sehen dich an. Und wir geben dir ein Lied, das nicht dir gehört.“
Die Gestalt blinzelte, als sei ihr etwas aufgegangen. Sie zog sich in die Ritzen der Felsen zurück, doch sie verschwand nicht. Hunger verschwindet nicht. Man muss lernen, ihn zu nähren, ohne gefressen zu werden.
VI. Ein Lied gegen den Sturm
Die Nacht, in der der große Sturm kam, war schwarz wie feuchter Flachs. Wind presste das Dach, als wolle er die Gedanken herausdrücken. Die Tür sprang auf; die Kerze ging aus; die Scheibe im Tuch begann zu singen, ohne Ton, nur mit Druck.
„Hörst du das?“, rief Charles.
„Es ist die alte Welt, die die neue nicht lassen will“, sagte Lydia. Sie stellte den Kessel vom Feuer. „Halt mich.“
Er tat es. Der Sturm schob sie gegeneinander, als wolle er prüfen, wie fest sie halten. In der Scheibe wuchs die blasse Gestalt, jetzt klarer, mit Augen wie frische Schnitte.
„Ich habe ein Angebot“, flüsterte sie, obwohl der Wind so laut war, dass Angebote lächerlich erschienen. „Ich kann euch die Angst nehmen, dass ihr einander verliert.“
„Zu welchem Preis?“, fragte Lydia.
„Zu dem, den ihr schon zahlt: Vergleiche. Ich werde sie zählen. Ich werde dafür sorgen, dass keiner mehr gibt, als er bekommt. So wird keiner betrogen.“
Charles’ Herz stolperte. In der Gleichung lag Trost—und Gitter. „Nein“, sagte er. „Wir sterben lieber an Ungleichheit als an Abrechnung.“
„Tapfer“, höhnte die Gestalt. „Und dumm.“
Sie streckte die Hand aus dem Glas. Ein Finger aus Frost strich über Lydias Wange. Eine feine weiße Linie blieb zurück, als hätte der Winter sie markiert. Lydia zuckte nicht. „Du darfst schauen“, sagte sie. „Du darfst erinnern. Aber du legst keine Steuern auf unser Atmen.“
Der Sturm fiel über das Dach her wie eine Meute. Charles zog die Flöte aus der Tasche. Er spielte das Lied, das sie am Steinring begonnen hatten, jetzt lauter, mit Nägeln im Ton. Lydia sang dazu, eine Melodie ohne Worte, die die Luft dicker machte.
Das Haus hielt. Die Scheibe seufzte; die Gestalt in ihr wurde flacher. Draußen gingen Äste zu Boden wie gescheiterte Sätze. Drinnen aber stand jeder Ton, den sie setzten, für einen Schritt, den sie einander schenkten, ohne ihn aufzuschreiben.
VII. Namen im Steinring
Als der Sturm vorüber war, lag die Heide wie gekämmt. Sie gingen zum Steinring, den die Nacht nicht verschoben hatte. Lydia trug ein Messer mit Griff aus Eibenholz. Charles trug die Scheibe.
„Wir brauchen einen Ort, an den wir das Maß binden“, sagte Lydia. „Nicht in uns. Draußen.“
Sie kniete am südlichen Stein und ritzte mit dem Messer eine Rille, so schmal, dass nur Blut sie füllen konnte. Sie schnitt sich in den Finger, einen Hauch, und ließ einen Tropfen fallen. „Für den Teil in mir, der vergleicht“, sagte sie. „Ich binde ihn hier.“
Charles tat dasselbe. „Für den Teil in mir, der besitzt.“
Die Scheibe legten sie auf die Mitte des Rings. Der Wind ruhte. Die blasse Gestalt stieg aus der Fläche, fester nun, als hätte die Welt ihr ungern Zutritt gewährt.
„Ihr wollt mich fesseln?“, fragte sie. „Ihr seid nicht die ersten.“
„Wir wollen dich orten“, sagte Lydia. „Damit wir wissen, wo du wohnst, wenn du sprichst. Und damit wir nicht verwechseln, wer wir sind, mit dem, was du willst.“
Die Gestalt nickte eine winzige, nur scheinbare Zustimmung. „Dann ein Spiel: Nennt einander mit einem Namen, den noch niemand gesprochen hat. Wer zögert, verliert den anderen an mich.“
Charles spürte, wie das Moor den Atem anhielt. Ein falsches Wort, und der Ring würde sich schließen wie ein eisernes Maul. Er sah Lydia an, und in ihrem Gesicht lag alles, was er kannte: Kräuterfinger, Sturmstimme, Wunden, Mut. Ein Name stieg auf, alt wie ihr erstes Lachen.
„Herzfreundin“, sagte er.
Lydia blinzelte. Sie nickte, und etwas in ihrer Brust ließ los. Dann flüsterte sie: „Heimkehrer.“
Die blasse Gestalt zuckte. Die Namen waren nicht Besitz, sie waren Richtung. Sie konnte nichts damit anfangen. Sie biss in die Luft und schmeckte nichts.
„Noch ein Spiel“, zischte sie. „Legt einen Wunsch in die Scheibe. Ich gebe ihn euch. Der Preis kommt später.“
„Nein“, sagte Lydia. „Wir sind fertig mit deinen Händeln.“
„Eines noch“, sagte Charles. „Wir wünschen uns, dich zu erkennen, wenn du dich anders kleidest.“
Die Gestalt verzerrte das Gesicht, als schmerze es, begriffen zu werden. „Narren“, flüsterte sie und zerfaserte zu Reif, der nicht fiel.
VIII. Zwei Wege unter einer Sonne
Den Rest des Winters arbeiteten sie getrennt, ohne auseinanderzufallen. Charles legte im Manor eine Kammer an, in der er die Arzneien ordnete. Lydia beschwichtigte das Moor, wenn es Fieber bekam. Sie trafen sich bei der Eibe, tauschten Brot und Neuigkeiten, lachten kurz, schwiegen lang. Die Scheibe lag wieder in der Hütte, doch sie drängte nicht mehr.
Eines Abends kam Charles zu spät. Lydia saß bereits mit dem Rücken zur Tür, den Blick in der Scheibe. Ihr Gesicht war still.
„Ich musste länger bleiben“, sagte er. „Ich habe mich verrannt in einem Gedankengang. Es ging um… um uns. Ich fragte mich, ob ich dich verliere, wenn ich weniger werde als das, was du wünschst.“
„Und?“, fragte Lydia, ohne sich umzuwenden.
„Ich merkte nicht, wie das ‚weniger‘ zu einem Dolch wurde, den ich gegen dich hielt, nur in Gedanken, aber doch. Ich war im Begriff, dich an einem Maßstab zu messen, den ich selbst nicht erreiche.“
„Siehst du sie?“, fragte Lydia leise und deutete in die Scheibe. Die blasse Gestalt stand darin, klein wie ein Daumenabdruck. „Sie lebt von solchen Messern. Doch ich habe etwas gelernt: Wenn ich dich anklage, trage ich die Anklage in mir weiter. Wenn ich dich verzeihe, dann nicht, um dich zu entlasten, sondern um mir die Hand zu öffnen.“
Charles trat näher. „Kannst du mir verzeihen?“
„Ja“, sagte sie. „Aber erst will ich, dass du es dir verzeihst. Sonst machst du mich zur Richterin, und das ist nicht meine Arbeit.“
Er atmete aus, als hätte er eine Treppe zu Ende gestiegen. „Dann fang ich an.“
Die Scheibe dunkelte, nicht aus Trotz, sondern wie ein See bei Nacht: ruhig, nicht drohend.
Sie setzten sich nebeneinander. Zwei Wege, die zur gleichen Sonne streben, werfen andere Schatten. Aber sie teilten den Himmel.
IX. Der Preis der Wahl
Frühling. Das Moor roch nach neuer Erde, und die Eibe warf wie jedes Jahr eine Handvoll giftiger Schönheit ab. Sie brachten die Scheibe noch einmal zum Steinring. Diesmal nicht, um zu bannen, sondern um zu wählen.
„Wir könnten so weiterleben“, sagte Charles. „Wir könnten uns achten, uns lieben, uns hüten. Doch ich spüre, dass etwas von uns erwartet, dass wir mehr tun.“
„Wer erwartet es?“, fragte Lydia.
„Nicht der Schatten“, sagte Charles. „Die Welt vielleicht. Oder nur wir selbst.“
Lydia strich über die Fläche der Scheibe. „Was willst du wählen?“
„Offenheit“, sagte er. „Nicht als Regel. Als Übung.“
„Dann üben wir.“ Lydia legte die Stirn an seinen. „Ich habe einmal daran gedacht, fortzugehen. Vor Jahren. Nicht wegen dir, sondern wegen mir. Ich wollte wissen, wer ich bin, wenn du nicht in der Nähe bist. Manchmal denke ich das noch.“
Charles’ Magen zog sich zusammen, doch er blieb. „Danke, dass du es sagst.“
„Und du?“
„Ich habe einmal gewünscht, du würdest mich brauchen“, sagte Charles. „Nicht wollen. Brauchen. Es war ein bitterer Wunsch. Ich lege ihn hier ab.“
Sie ließen beide Worte in die Scheibe sinken. Die blasse Gestalt erschien, doch sie war so dünn, dass der Wind sie mehrfach in sich brach.
„Ihr zahlt keinen Preis?“, keuchte sie.
„Oh doch“, sagte Lydia. „Wir zahlen mit dem Teil, der uns groß erscheinen ließ, wenn der andere klein war. Wir geben ihn ab.“
Die Gestalt kreischte auf, ein Laut, der in den Steinen hängen blieb. Dann riss sie—nicht entzwei, sondern auf—und fiel als Reif auf das Gras.
Sie blieb nicht ganz fort. Nichts Menschliches geht ganz. Aber sie hatte jetzt einen Ort, an den man ihr Briefe schicken konnte, wenn sie wieder anfing, Forderungen zu stellen.
X. Was bleibt, wenn die Schatten gehen
Der Sommer kam mit Mücken und langem Licht. Wrenfield Manor atmete leichter; Lydias Hütte roch nach Thymian und frisch geschabtem Holz. Charles und Lydia bauten zwischen Haus und Hütte einen schmalen Steg aus Brettern—die Heide verschluckte im Tau zu leicht die Füße.
Eines Abends saßen sie darauf und ließen die Beine baumeln. Die Scheibe lag vor ihnen, offen, als sei sie nur noch ein dunkles Becken.
„Manchmal“, sagte Charles, „fürchte ich, dass wir uns täuschen. Dass wir meinen, wir hätten etwas bezwungen, und in Wahrheit hat es nur die Gestalt gewechselt.“
„Das wird es“, sagte Lydia. „Morgen vielleicht. In einem Jahr. In einem Blick. Dann gehen wir wieder zum Ring. Oder wir setzen uns hierher und reden. Oder wir spielen das Lied. Wir haben Wege.“
„Und wenn einer von uns scheitert?“
„Dann erinnert der andere daran, dass Scheitern nicht das Ende ist.“ Lydia lächelte. „Wir werden einander verlieren und wiederfinden. Das ist nicht Tragik. Das ist Leben.“
Die Sonne sank. Die Eibe warf Schatten wie schmale Finger auf die Scheibe. Im Glas schimmerte kein Umriss mehr, der nicht ihrer war.
Charles nahm Lydias Hand. „Freundin.“
„Geliebter“, sagte sie.
Keine dieser Rollen war ein Käfig. Beide waren Türen.
Epilog – Die Furchen einer Handschrift
Jahre später, als die Welt noch immer zwischen Alt und Neu zerrte, stand die Eibe noch. Der Steg aus Brettern war nachgedunkelt; das Manor hatte neue Risse, die niemand füllte. Die Scheibe lag im Schatten und spiegelte eine Decke aus Rauchschwärze und Sternen.
Eine Hand, deren Knochen bekannt waren, öffnete ein Buch. Zwischen den Seiten lagen getrocknete Blätter, die beim Räuspern zerfielen. Zwei Namen, vermerkt mit Tinte, die die Zeit geküsst hatte: Herzfreundin. Heimkehrer.
Man sagt, in stürmischen Nächten höre man auf der Heide ein Lied, dem eine zweite Stimme antwortet. Es ist kein Zauber, der Dinge beugt. Es ist das Geräusch von zwei Menschen, die gelernt haben, die Eifersucht zu füttern, ohne ihr zu gehören; die Liebe festzuhalten, ohne sie zu schnüren; und die Freundschaft zu wählen, wenn die Wahl schwer ist.
Im Priorat steht der Steinring noch. Irgendwo in ihm wohnt ein blasser Schatten, der Namen sammelt. Er kennt zwei, die er niemals haben wird.