Das Schweigen des Moors – Teil II: Der Atem der Eibe
Inhalt
- Prolog – Der Faden im Nebel
- I. Ein Sommer ohne Wärme
- II. Die Schuld des Wassers
- III. Spiegelrecht
- IV. Das Brot und sein Messer
- V. Zwei Türen, eine Schwelle
- VI. Die Risse des Liedes
- VII. Unter der Eibe, unter der Haut
- VIII. Die Nacht der drei Fragen
- IX. Der Preis der Rückkehr
- X. Über die Kante des Rings
- Epilog – Handschrift im Tau
Eine dunkle Erzählung von Liebe, Eifersucht und Freundschaft im England des 16. Jahrhunderts.
Prolog – Der Faden im Nebel
Das Jahr brachte einen Sommer, der sich weigerte, warm zu werden. Über der Heide lag ein Nebel, so dünn, dass man hindurchsehen konnte, und doch zäh genug, um Gedanken festzuhalten. Charles und Lydia standen wieder am Steinring. Die Scheibe ruhte auf einem Tuch, als wäre sie krank.
„Er zieht wieder“, sagte Lydia leise. „Nicht an uns. An dem, was zwischen uns hängt.“
Charles nickte. In der Fläche war kein Gesicht, nur Bewegung — als habe jemand weit unter Wasser einen Faden aufgenommen und ziehe langsam daran.
„Wir haben sie gebunden“, sagte er. „Die Stimme, die zählt.“
„Gebunden heißt nicht begraben“, erwiderte Lydia. „Komm. Wir gehen heim.“
Sie trugen die Scheibe zur Hütte. Der Nebel folgte ihnen wie ein Tier, das gelernt hat, nicht zu beißen, solange jemand hinsieht.
I. Ein Sommer ohne Wärme
Im Manor roch es nach feuchtem Holz, in Lydias Hütte nach Thymian und Asche. Sie teilten Brot, schwiegen und lachten, doch die Tage ließen sich nicht erwärmen. Es war, als hielte die Welt den Atem an.
„Ich wache auf“, sagte Charles, „und denke zuerst an das, was ich gestern nicht gegeben habe.“
„Ich wache auf“, sagte Lydia, „und frage mich, ob ich dich mehr fordere, als du tragen kannst.“
Die Scheibe stand aufrecht an der Wand. Manchmal spiegelte sie den Raum, als sei er ein Fehler. Manchmal zeigte sie nur Tiefe, als wäre Tiefe eine Antwort.
„Wir werden nicht gerecht füreinander“, flüsterte Charles.
„Gerechtigkeit ist ein kaltes Bett“, sagte Lydia. „Aber komm, wir richten es warm.“
II. Die Schuld des Wassers
Die Quelle hinter der Hütte war klar, doch ihr Klang hatte sich verändert — ein nervöses Tröpfeln, als zähle sie heimlich. Lydia kniete, tauchte die Finger ein, zog die Hand zurück. Auf der Haut blieb eine dünne Spur, wie das Zittern einer Linie über Pergament.
„Das Wasser hat sich etwas gemerkt“, sagte sie.
„Was schulden wir ihm?“, fragte Charles.
„Nichts“, sagte Lydia. „Aber wir schulden uns, nicht zu lügen.“
In der Scheibe bildete sich etwas, das aussah wie ein Kreis im Kreis. Wer nähertrat, sah eine Waage ohne Schalen, nur mit Zunge: ein Maß, das heiß wurde, sobald es sprach.
„Spiegelrecht“, murmelte Charles. „Er will hören, was wir uns vorenthalten.“
„Dann hört er eben zu“, erwiderte Lydia und stellte den Krug ab. „Ich werde nicht mehr flüstern, wenn ich schreien muss.“
III. Spiegelrecht
Sie verabredeten, am Abend vor die Scheibe zu treten wie vor ein Gericht, dessen Richter nur wiederholt, was man selbst sagt. Keine Fremden, keine Fürsprecher.
„Ich beginne“, sagte Lydia. „Manchmal nenne ich dich Heimkehrer und meine doch: Bleib gefälligst, wo ich dich haben kann. Dann ist es kein Name, sondern ein Zaun.“
„Und ich“, sagte Charles, „nenne dich Herzfreundin und meine doch: Nimm dich zusammen, wenn mein Herz müde ist. Dann wird Freundschaft zur Bitte um Ruhe statt zum Platz zum Atmen.“
Die Scheibe wurde dunkler, dann heller. Die Zunge im Nichts wackelte, als hätte sie einen Geschmack nicht erwartet.
„Und weiter“, sagte Lydia. „Ich beneide die Zeit, die du den Dingen gibst, die nicht ich sind.“
„Ich beneide die Ruhe, die du mit dir trägst, wenn ich in mir Krach bin“, sagte Charles.
Die Zunge erstarrte. In der Fläche löste sich die Waage auf wie Salz.
„Vielleicht“, flüsterte Lydia, „ist Gerechtigkeit nicht das, was wir einander schulden, sondern das, was wir einander schenken, wenn wir schuldenfrei sein wollen.“
IV. Das Brot und sein Messer
Der Nebel hielt; die Ernte drohte schmächtig zu werden. Lydia schnitt Brot. Das Messer schimmerte kurz: der Griff aus Eibenholz, glatt von Jahren.
„Es schneidet Schwarz und Weiß“, sagte Charles. „Einen Teil für dich, einen für mich. Und was dazwischen?“
„Die Krume fällt in beide Teller“, sagte Lydia. „Wir füttern uns vom Dazwischen.“
Sie legte das Messer auf die Scheibe. Metall traf Schwärze. Ein leises Zischen, als hätte jemand eine Waage ins Feuer gehalten.
„Kein Handel“, sagte Lydia zur Scheibe. „Nur Nahrung.“
„Kein Vertrag“, sagte Charles. „Nur Wort.“
Die Fläche blieb still. Und doch war es, als hätte das Haus aufgehört zu lauschen.
V. Zwei Türen, eine Schwelle
In jener Woche machten sie eine Übung, die niemand ihnen beigebracht hatte: zwei Türen, eine Schwelle. Jede*r schrieb — auf ein Stück altes Pergament — zwei Sätze.
Lydia: Ich gehe, wenn ich mich verliere.
Charles: Ich bleibe, wenn du dich verlierst.
Lydia: Ich bleibe, wenn du dich findest.
Charles: Ich gehe, wenn ich dich verliere.
Sie legten die Blätter in die Scheibe. Kein Rauch, kein Licht. Nur das Gefühl, als sei der Raum ein wenig gewachsen. Die Schwelle wusste nun, wofür sie da war.
VI. Die Risse des Liedes
Das Lied, das sie vor einem Jahr gegen den Sturm gespielt hatten, hatte Risse bekommen. Manche Töne kamen, andere fielen wie Steine. Charles hob die Flöte an, Lydia setzte die Stimme.
„Du ziehst“, sagte Charles.
„Du hältst“, sagte Lydia.
Sie lachten darüber, doch der Ton blieb scharf. Schließlich senkte Lydia den Blick. „Ich singe, als wäre es ein Beweis. Für dich. Für mich. Gegen den Spiegel.“
„Und ich spiele, als wäre es eine Tür, die ich vor dir offen halten muss, auch wenn ich friere“, sagte Charles.
Sie legten das Instrument nieder. „Noch einmal“, sagte Lydia. „Diesmal nicht gegen etwas. Nur für.“
Der Ton kam, rund und ungemessen. In der Scheibe flackerte kurz die blasse Gestalt — so dünn, dass der Atem sie hätte brechen können — und wich, als habe sie keine Zähne mehr.
VII. Unter der Eibe, unter der Haut
Die Eibe flüsterte bei Wind immerzu; doch an diesem Abend schien sie zu hören. Lydia kauerte auf den Fersen, legte das Ohr an den Stamm. Charles stand hinter ihr, die Hände in den Taschen, als müsse er etwas festhalten.
„Man sagt“, begann er, „die Eibe wachse, indem sie sich innen erneuert und das Alte nach außen drückt.“
„Dann lass uns innen erneuern“, sagte Lydia. „Nicht: Wer hat mehr. Sondern: Was trägt wen.“
Sie ritzte mit dem Messer eine dünne Linie in ihre Hand. Nicht tief. Nur ein Zeichen. Charles tat es ihr gleich. Sie legten die Wunden aufeinander — nicht als Bund, sondern um eine ausgetrocknete Stelle zu befeuchten.
„Es tut gut, dich zu brauchen, ohne dass es eine Schuld wird“, flüsterte Charles.
„Und es tut gut, dich nicht zu brauchen, ohne dass es Abkehr wird“, antwortete Lydia.
Der Baum knirschte. In der Scheibe, die sie an den Fuß des Stammes gelehnt hatten, stand die blasse Gestalt nun hinter ihnen, doch sie hatte keinen Mund mehr — nur Augen, die müde wurden, wenn man sie ansah.
VIII. Die Nacht der drei Fragen
In einer Nacht, so still, dass man hören konnte, wie Spinnenfäden reißen, stellten sie einander drei Fragen, die sie nicht aufzuschieben wagten.
„Was darf von mir zerbrechen, ohne dass du mich verlässt?“, fragte Lydia.
„Deine Gewissheiten“, sagte Charles. „Aber nicht deine Würde.“
„Was darf von dir wachsen, ohne dass ich Angst bekomme?“, fragte Charles.
„Deine Ruhe“, sagte Lydia. „Aber nicht dein Rückzug.“
„Und was tun wir, wenn das Moor wieder fordert?“, fragte Lydia.
„Wir zahlen mit Überfluss“, sagte Charles. „Nicht mit Rechnung.“
Die Scheibe war so dunkel geworden, dass sie fast durchsichtig wirkte. Wer genau hinsah, entdeckte keinen Umriss darin — nur das Echo der drei Antworten, das tiefer klang als Furcht.
IX. Der Preis der Rückkehr
Es kam, wie es in alten Geschichten kommt: Die Welt draußen verlangte neue Worte, und es gab Leute, die behaupteten, die alten seien besser — solange sie andere banden. Ein Bote verirrte sich zur Hütte, doch seine Nachrichten gingen vorbei wie Wind an Rinde. Charles und Lydia hörten — und ließen wieder.
„Wir müssen nicht jeder Stimme antworten“, sagte Charles.
„Nur denen, die wir eingeladen haben“, sagte Lydia und sah zur Scheibe.
Sie trugen sie zum Steinring. Dort band Lydia ein rotes Band an einen der Steine, Charles ein schwarzes. „Für die Wege, die wir gehen werden“, sagte sie.
„Und für die, die wir nicht gehen“, sagte er.
Die blasse Gestalt trat zwischen zwei Steine. Sie war nicht mehr blass. Sie war nur da. Kein Feind, kein Freund. Ein Wetter.
„Ich kenne euch“, sagte sie. Ihre Stimme klang wie Sand im Schuh. „Ihr werdet wieder vergleichen.“
„Ja“, sagte Lydia. „Und wir werden wieder erkennen.“
„Und wieder verzeihen“, sagte Charles. „Dir zuerst, uns danach.“
Die Gestalt nickte, fast dankbar. Dann fiel sie auseinander wie Nebel, wenn die Sonne müde ist, aber bemüht.
X. Über die Kante des Rings
Am Morgen nach der Rückkehr setzten sie sich auf den Brettsteg zwischen Hütte und Manor. Die Sonne gab sich Mühe. Die Welt verzieh ihr wenig.
„Ich habe eine Bitte“, sagte Lydia. „Kein Gelübde. Nur eine Bitte.“
„Sag.“
„Wenn du merkst, dass du mich als Maßstab nimmst, sag es mir. Nicht, damit ich mich ändere. Damit wir den Maßstab sehen.“
„Und ich habe auch eine“, sagte Charles. „Wenn du merkst, dass du dich kleiner machst, damit ich größer bin, sag es dir — und ich höre zu.“
Sie standen auf. Der Ring lag hinter ihnen, die Eibe vor ihnen. Auf der Scheibe hinterließ die Sonne einen blassen Rand, als hätte jemand eine Kante warm gerieben.
„Über diese Kante gehen wir“, sagte Lydia.
„Über diese Kante kommen wir zurück“, sagte Charles.
Sie gingen.
Epilog – Handschrift im Tau
Später, wenn der Herbst mit trockenen Händen durch die Gräser fuhr, sah man am Morgen manchmal Buchstaben im Tau auf den Brettern, die niemand geschrieben hatte. Kein Satz, nur Worte: Überfluss. Schwelle. Ohne Rechnung.
Man sagt, man höre in manchen Nächten zwei Stimmen, die ein Lied singen, das keine Beweise mehr kennt und doch standhält, wenn Beweise verlangt werden. Die Scheibe liegt, wo sie liegen will — mal am Ring, mal unter der Eibe, mal an einer Wand.
Und wenn der Nebel wieder einen Faden aufnimmt und zieht, lacht irgendwo eine Hand, die gelernt hat, ihn sanft zurückzulegen.